Einbau Knieprothese September 2020

Vor allem für meine interessierten Leidensgenossinnen und -genossen aus dem Forum schienbeinkopf.com (sowie für blutige Bilder ertragende Menschen auf den sozialen Medien) hier eine kleine Bildergeschichte zum Einbau meiner Knieprothese am 18. September 2020 in der Hirslandenklinik Zürich.

Einige Fotos sind für Leute, die kein Blut oder menschliches Gewebe sehen können, unerträglich; entweder schnell vorbei scrollen oder von hier aus gar nicht weiter hinunter scrollen.

And for any English speaking visitors: Caution! Graphic content below.

Nochmals alles tüchtig geniessen

Nach dem Corona-Lockdown im Frühling und im Wissen, dass ich den Herbst weitgehend hinkend verbringen würde, habe ich mir für den Sommer 2020 vorgenommen, primär das Leben zu geniessen und auch ganz bewusst einen letzten Skitag auf natürlichem Knochen zu erleben. Dazu kamen zig Ausflüge, z.B. zum Rheinschwimmen nach Basel, in die Provence oder auf den Pilatus.

Dann war der Tag des Spitaleintritts gekommen – aber auch an diesem 17. September erlaubte ich mir kurz vor der Abreise natürlich noch einen letzten Aareschwumm. Langsam betrachtete ich meine Beine öfters: Schon bald würde sich da für immer einiges ändern.

Ab nach Zürich!

Mein Rheumatologe hatte mir PD Dr. Sandro Kohl als Kniespezialisten empfohlen. Letzterer meinte, er könne mich auch in einem Hirslanden-Spital in Bern operieren, aber das Essen sei in Zürich wesentlich besser. Zumal ich gern gut esse, oft in Zürich weile und dort viele Leute kenne, war der Entscheid des Operationsortes demnach rasch klar 😉

Manchmal hat man auch als halbprivat Versicherter Glück, in ein Einzelzimmer zu kommen. Das klappte leider nicht. Und wie so oft erwischte ich einen eher geräuschintensiven Zimmergenossen – einen, der nach einem Speiseröhren-Eingriff ständig röchelte, Schleim raufhustete, würgte und laut schnarchte. All das drang leider locker durch sämtliche Varianten von Ohropax. Natürlich konnte der bemitleidenswerte Herr nichts dafür, aber für meine Erholung war das nicht unbedingt vorteilhaft.

Immerhin: Die Aussicht aus dem Zimmer war 1A! Und die Besprechung mit dem Anästhesie-Assi nach dem Eintritt rasch erledigt.

An diesem Donnerstagabend – es herrschte sommerliches Wetter – habe ich noch einen letzten Spaziergang rund um die Klink unternommen, quasi als finalen Einsatz für mein natürliches linkes Knie. Und auch nochmals die unterschiedliche maximale aktive Flexion der beiden Kniegelenke festgehalten.

Morgens um halb sieben wurde ich geweckt, nun gab’s kein Zurück mehr. Der Haut-Marker hatte einen für diese turbulenten Zeiten äusserst interessanten Namen.

Ich hatte Herrn Kohl im Vorfeld darum gebeten, Bilder vom Eingriff zu schiessen. Ich wollte endlich direkt sehen, wie diese Osteophyten ausschauen, die mir das Leben jahrelang so schmerzhaft gestaltet hatten – und in welchem Zustand das Gelenk war. Tatsächlich war das Knie (wie mir schon zuvor ein Zweit- und Drittgutachter bestätigt hatten) komplett im Eimer; auch im Ops-Bericht stand später “… es zeigt sich die massive Degeneration des Gelenkes”.

Sandro Kohl benutzt das Mass-Prothesen-System des US-Herstellers Conformis. Vor dem Eingriff wird ein Computertomogramm angefertigt, das bei mir so aussah – schon hier sehen selbst Laien, dass da einiges nicht stimmt:

Anhand dieser Bilder fertigt Conformis in einem Bostoner Vorort ein auf den Patienten bzw. die Patientin massgeschneidertes Gelenk an. So kann man u.a. möglichst viel “Knochen einsparen”. Per 3D-Drucker werden zudem zahllose genau aufs Ziel-Knie zugeschnittene Vorlagen / Schablonen (“Jigs”) zum Sägen und Bohren gefertigt und zusammen mit dem OP-Plan (siehe letzte zwei Bilder oben) an den Chirurgen versandt.

Auch das gesamte für den Eingriff nötige Werkzeug schickt Conformis gleich mit, alles in der korrekten Grösse und mit den richtigen Winkeln. Es gibt dazu sogar ein Unboxing-Video.

Wer kein Blut sehen kann, sollte ab hier nicht mehr weiterscrollen
(oder den nächsten Abschnitt ganz schnell überspringen).

 

Die Operation

Kleine Welt: Nachdem sich schon eine Baselbieter Pflegerin als frühere Spitex-Praktikantin in Itingen zu erkennen gegeben hatte, wo ich meine Kindheit verbrachte, fragte mich kurz vor dem Einschlafen der Narkosearzt, ob ich denn mit Hans verwandt sei. “Klar, das ist mein Vater!” – Und siehe da: Die beiden waren anno 2007 gemeinsam bei der Rega, kurz bevor mein Papa pensioniert wurde.

Die letzten Diskussionen drehten sich um das Schwimmen im Rhein (der Anästhesist war ebenfalls Nordwestschweizer), und irgendwann war ich weg. Ich hatte mich für eine Vollnarkose entschieden, zumal ich zwar einiges ertrage, aber Sägen, Hämmern und Bohren doch erhebliche Resonanz im Körper auslösen; darauf hatte ich keine Lust. Die Bilder schaute ich nach der Ops aber extrem interessiert an:

Besonders freute mich, dass eine Helferin sogar Zeit fand, ein Herz aus Knochenzement zu fertigen, während die Masse einige Minuten lang einhärten musste – gute Stimmung im OP führt oft zu besseren Resultaten 🙂

Wer sich das ganze als Video anschauen möchte – der Implantatehersteller Conformis hat u.a. diesen Film dazu veröffentlicht. Auch ich habe genau so eine “iTotal”-Prothese bekommen:

Der Eingriff verlief planmässig; die Kniescheibe war in einem ganz passablen Zustand, sodass dort keine Inlays angebracht werden mussten. Aus dem entfernten Knochenteilen konnte der in Mitleidenschaft gezogene Schienbeinkopf sogar noch ein wenig aufgepäppelt werden (“Spongiosaplastik“).Vermutlich hätte man aus den entfernten Knochen auch eine feine Fleischbouillon zubereiten können. Aber im Ernst: Da sah ich es endlich, das kaputte Gelenk und seine vielen Knochenwucherungen. Danke trotzdem für die treuen Dienste – und tschüss.

Mit einer Redon-Drainage (die am Abend schon überlief) wachte ich auf und fand mich alsbald in meinem Zimmer W120 wieder, mit einer fernwehstillenden NYT, einem kleinen Imbiss und genug Schmerzmitteln per Infusion:

Die folgenden Tage waren geprägt von Auf und Ab – zum Glück kannte ich das von den sechs vorangegangenen Operationen in den letzten 19 Jahren. Meist spinnt die Verdauung, mal fühlt man sich himmelhoch jauchzend, dann wieder zu Tode betrübt. Die Betreuung im Hirslanden war aber tadellos, das Essen so gut wie vom Chirurgen beschrieben und die Forschritte gross. Schon am Tag nach der Operation lief ich die ersten Schritte ohne Stöcke und konnte den Winkel auf der Kinetec-Schiene auf 35 Grad steigern. Die Schläuche wurden immer weniger, der Radius vergrösserte sich. Und, ja, so eine schöne Aussicht aus dem Klo hat man selten!

Wie immer genoss ich auch die Besuche von Freundinnen und Freunden (bisweilen sieht man diese abends wieder auf dem iPad, was ich auch nach Jahren noch faszinierend finde) und zog mit ihnen immer weitere Kreise auf dem wunderbaren Hirslanden-Areal im Balgrist oben:

Anfangs rechnete ich mit einer Aufenthaltsdauer von einer Woche – angesichts der raschen Besserung entliess man mich aber schon am Mittwoch wieder, also nach fünf Tagen. Not too bad. So genoss ich also nochmals ein paar Stunden das Umsorgtsein in der Klinik und bekam am Ende einen Implantate-Pass mit dem den Weg, denn fortan wird jeder Metalldetektor unweigerlich piepsen.

Dank tatkräftiger freundschaftlicher Mithilfe kam ich in einem Privatwagen nach Bern und genoss die Ruhe von Haus und Garten.

Die Schmerzen sind trotz Novalgin, Voltaren und Paracetamol (jeweils in der maximalen Tagesdosis) beträchtlich, aber auszuhalten. Im Haus bewege ich mich – sehr gemächlich – weitgehend ohne Krücken. Ich bin froh, dass Operationen mit Knochenzement eine rasche Vollbelastung erlauben. Am Montag geht’s in die erste Physio-Stunde. Ich bin frohen Mutes, dass ich diesen Winter noch irgendwann auf den Skis stehen werde. Sie stehen jedenfalls bereit.

Wie ging es weiter? Folgen Sie dem Hashtag #ProjektNeuesKnie auf Twitter.

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Die Vorgeschichte meines Knies seit 2001 ist hier nachzulesen (ich habe das Design bewusst im Retro-Look meiner damaligen Website belassen – sie stammt aus einer Zeit, in der es noch keine Blogs oder Social Media gab).